Turm-Museum aktuell

Von früheren Esenser Kloster-Standorten

AUSSTELLUNG Team des Turm-Museums St. Magnus bereitet Schau zum Reformationsjubiläum vor.
 
Volksbank unterstützt Gestaltung der Sonderausstellung mit 1200 Euro
  
ESENS – Jan-Siefke Dirks und Helmut Hicken, Vorstände der Volksbank Esens, zeigten sich beeindruckt von der grafischen Gestaltung: Im Zuge der Vorbereitungen für die neue Sonderausstellung im Turm-Museum St. Magnus sind jetzt die großformatigen Tafeln eingetroffen, die sich mit den mittelalterlichen Klöstern bei Esens beschäftigen. Und das Kreditinstitut hat die Herstellung in der Kreativwerkstatt Esens, Helge Heyen, mit 1200 Euro bezuschusst.


Stellten die Tafeln zur neuen Klosterausstellung vor: v. l. Küster Jens Kleen, Volksbankvorstand Helmut Hicken, Museumsleiter Detlef Kiesé, Aufsicht Hans-Alfred Friedrich, Aufsicht Fred Weyers, Aufsicht Simon Arens und Volksbankvorstand Jan-Siefke Dirks.

Anlass für die Schau, die im ersten Obergeschoss gleich neben dem Turmuhrwerk von 1873 entsteht, war das 500-jährige Reformationsjubiläum in diesem Jahr. Denn mit der Reformation endete auch in unseren Breitengraden die Klosterzeit, von denen nur eine überschaubare Zahl an Spuren geblieben ist. Im hohen Mittelalter gründeten niederländische Klöster im nördlichen Harlingerland zahlreiche Tochterklöster. „Überwiegend erschlossen sie bis dahin nicht genutzte Heide- und Moorgebiete und leisteten dort wertvolle Kulturarbeit“, berichtet Axel Heinze, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Esens Museums „Leben am Meer“ an Inhalt und Konzeption mitgearbeitet hat. Mehrere dieser Klosterstätten seien bereits im Mittelalter wieder aufgegeben worden. Nur das Kloster Marienkamp vor den Toren der Stadt hielt sich bis zur Reformation.

 
Hier auf Marienkamp, Anfang des 15. Jahrhunderts ursprünglich errichtet als Frauenkloster der Benediktinerinnen, wurden die vormaligen Klöster Schoo („Sconamora“), Oldekloster, Pansath und Margens unter den Augustiner Chorherren als Vorwerke weitergeführt und Hopels, Reepsholt und Burkönken beaufsichtigt. „Im Jahr 1430 waren hier 100 Mönche genannt“, weiß Heinze. Das Kloster Marienkamp sei mit umfangreichen Ländereien und fünf Vorwerken ausgestattet gewesen, darunter Pansath, Margens.
Axel Heinze: „Das Kloster war eine bedeutende Kulturstätte und ein Wirtschaftsfaktor für die Region.“ Esenser Häuptlinge seien in der Klosterkirche bestattet worden. Der gesamte Besitz wurde um 1530 im Rahmen der Reformationswirren zerstört, das Areal und die dazu gehörenden Flächen fielen an den ostfriesischen Grafen und wurden später als landwirtschaftliche Fläche oder zur Schafzucht (Domäne Schafhaus) genutzt.
 
Gespickt mit interessanten Abbildungen wird diese Geschichte in wenigen Sätzen übersichtlich dargestellt. Dazu gibt es eine Vitrine mit Fundstücken vom früheren Klosterstandort Marienkamp. Hier handelt es sich im Übrigen um eine Gemeinschaftsausstellung mit dem Museum „Leben am Meer“, das in diesem Jahr zum Reformationsjubiläum unter dem Titel „Auf den Spuren der Klöster in Esens“ geführte Fahrradtouren entlang ehemaliger Klosterstätten anbietet und die Sonderausstellung „Der Schatz von Schoo“ zeigt – mit Münzen, die vom Gelände des ehemaligen Kloster Sconamora stammen. .
 
Ausstellungs- und zugleich Saisoneröffnung ist am Sonntag, 2. April, um 11.15 Uhr direkt im Turm-Museum St. Magnus. Die dann folgenden Öffnungszeiten (bis Ende Oktober), in denen Ramona Janssen, Fred Weyers, Hans-Alfred Friedrich, Simon Arens, Jens Kleen und Detlef Kiesé Ansprechpartner sind, bleiben wie in den Vorjahren: dienstags und donnerstags, 15 bis 17 Uhr, und sonntags von 11 bis 12 Uhr. Der Eintritt ist frei. Führungen sind auf Anfrage unter Telefon 04971 / 919712 möglich.
 
Wie der ehrenamtliche Museumsleiter Detlef Kiesé berichtet, hat das Team nun – im Jahr des 35-jährigen Bestehens des Museums im St.-Magnus-Kirchturm von 1844 – mit einer umfassenden Umgestaltung und Modernisierung begonnen, wobei der Informationswert erhöht und die Präsentation optisch verbessert werde. Allerdings lege man weiter Wert darauf, die historische Architektur ursprünglich wirken zu lassen.

www.turmmuseum-esens.de

Ticken des Uhrwerks begleitet die Besucher

 

Sonderausstellung 2015 widmet sich der Mechanik, die  1873 drei Uhrmacher installierten

 

Von Detlef Kiesé

Es ist im Turm-Museum St. Magnus in Esens das einzige Exponat, das ein Geräusch abgibt und daher für besondere Aufmerksamkeit sorgt: Das 1873 installierte Turmuhrwerk steht in diesem Jahr im Mittelpunkt einer Sonderausstellung, die noch bis zum Ende der Herbstferien zu sehen ist.

Museumsmitarbeiter hatten die 1975 stillgelegte Mechanik auf der zweiten Etage im Jahr 1982 wieder gangbar gemacht, seither sorgt sie durch das Ticken für großes Interesse bei den Besuchern. Zusätzlich zur Dauerausstellung erfährt man, dass der Kirchenvorstand seinerzeit mehrere Angebote einholte, sich dann aber für die Arbeitsgemeinschaft der Esenser Uhrmacher Andreas Adolf Hicken (1834–1912), Hermann Smit und Menko Gastmann (1832–1923) entschied. Sie montierten das in einem gusseisernen Rahmen befindliche Werk „Nr. 228“ der Uhrenfabrik Phillipp Furtwängler und Söhne aus Elze/Hildesheim in einem Holzgehäuse mit Klappen und Türen. Kostenpunkt: 598 Thaler.

Nachdem das 1845 in den Turmneubau installierte Uhrwerk nicht mehr funktionstüchtig war, sorgte ab 1873 also diese durch drei Gewichte am Seilzug angetriebene und über einem schweren Pendel getaktete Mechanik für die Steuerung der drei Ziffernblätter an der Turmaußenwand sowie für das Anschlagen der beiden Uhrenglocken im Dachreiter über dem Chorraum der St.-Magnus-Kirche. Diese erklangen jeweils zur vollen Stunde sowie in Viertelstunden-Abständen.

Täglich musste das Uhrwerk aufgezogen und des Öfteren gepflegt und gewartet werden. Diese Aufgaben vergab der Kirchenvorstand ebenfalls an Uhrmacher aus der Bärenstadt. Nach Friedrich Meyer, Adolf Hicken und Menko Gastmann waren es ab 1905 Uhrmachermeister Heinrich Janssen (1869–1955) und im Anschluss sein Sohn, Uhrmachermeister Johannes „Tick-Tack“ Janssen (1908–1992), der gelegentlich von seiner Ehefrau unterstützt wurde. Aus den Kirchenakten ist zu entnehmen, dass man die Arbeiten mit 54 Reichsmark im Monat entlohnte; in der Hyper-Inflationszeit 1923 wurden Janssen nach schriftlichem Antrag sogar 40 000 Mark zugesprochen.

Die St.-Magnus-Kirche erhielt 1931 Stromanschluss. Eine Teilfunktion des Uhrwerks wurde aber erst 1969 durch einen Schrittmotor für die Zeitanzeige ersetzt, der durch eine ebenfalls elektrisch betriebene Hauptuhr gesteuert wurde. Die Außerdienststellung der Mechanik von 1873 kam dann 1975, als die im Dachreiter verbliebene Uhrenglocke zeitgleich mit einer Glocken-Neuanschaffung in den Turm umgehängt wurde. Der Vertrag mit Johannes „Tick-Tack“ Janssen wurde gekündigt. 1990 kehrte das Elektronik-Zeitalter in den St.-Magnus-Turm ein. Seither steuert ein kleiner programmierbarer Computer die Turmuhr, die Uhr-Glockenschläge und auch das Läuten der Glocken.

Das Turm-Museum hat dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 12 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

Turm-Museum Sonderausstellung 2014


Pastor entwirft den Weinstock-Altar

AUSSTELLUNG im Turm-Museum in St. Magnus widmet sich dem Wirken von Christian Wilhelm Schneider

Erstmals sind die 300 Jahre alten Zeichnungen vom Bau des Esenser Waisenhauses zu sehen

Von Detlef Kiesé, Esens

ESENS - Christian Wilhelm Schneider war einer der prägendsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit. Der Pastor aus dem thüringischen Herbstleben, der zwischen 1678 und 1725 lebte,  hatte sich dem Pietismus verschrieben und baute mitten in Esens mit großem Engagement ein Waisenhaus mit Armenschule auf, die einen Vorbildcharakter für die ganze Region haben sollten.

Die neue Sonderausstellung im Turm-Museum in St. Magnus widmet sich dem Wirken dieses Geistlichen allerdings vor einem anderen Hintergrund: Genau vor 300 Jahren, 1714, stiftete der Esenser „Oberpfarrer“ der St.-Magnus-Kirche den Weinstock-Altar, der heute deshalb so besonders ist, weil die Darstellung des Gekreuzigten umgeben von Trauben und Reben so gar nicht typisch ist für die Nordseeküste. Christian Wilhelm Schneider könnte die heutige Altar-Zusammenstellung sogar entworfen haben. Den deutlichen Hinweis darauf gibt eine Zeichnung in seinem in den Jahren 1711 bis 1719 entstandenen Haushaltsbuch für den Bau des Waisenhauses. Mit Bleistift zeichnete er den Weinstück-Altar mit all seinen Elementen im gotischen Chorraum der Vorgängerkirche – allerdings nicht so detailliert, dass es eine Zeichnung nach dem Aufbau sein könnte.

Dass Schneider eine scharfe Sichtweise besaß und seine Eindrücke für seine Zeit zeichnerisch filigran aufs Papier bringen konnte, beweist auch die berühmte Ansicht der mit Wällen und Gräben befestigten Bärenstadt, die der Pastor aus der Südwestperspektive zeichnete. 

Eine Kopie dieser Originalzeichnung, die ebenfalls auf 1714 datiert wird, ist ebenfalls in der Ausstellung „Weinstock-Altar für St. Magnus – Vom Schaffen des Waisenhausgründers Pastor Christian Wilhelm Schneider“ im Turm-Museum zu finden.

Die neue Ausstellung ist in zwei Teile gegliedert: Das Museumsteam erläutert zum Einen die Bestandteile des Weinstock-Altars, an dem unterschiedliche Künstler zu verschiedenen Zeiten gearbeitet haben. Es handelt sich also nicht um ein einheitliches Kunstwerk. Die Altarplatte stammt aus dem Mittelalter, die hölzernen Elemente aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts beziehungsweise Anfang des 18. Jahrhunderts. Der Lindenholz-Aufsatz, die Predella, zeigt als Relief die Feier des Abendmahls. Vor der Darstellung von Jesus am Kreuz mit den Werkzeugen seiner Marterung befinden sich die Figuren von Maria und Johannes, die über Jahrzehnte seitenverkehrt positioniert waren. An den Kniebänken sind Moses mit den Gesetzestafeln und Reformator Martin Luther mit Bibel und Schwan dargestellt. Teile werden dem Esenser  Holzschnitzer Habbe Hinrichs Kröpelin (1672–1747) zugeschrieben. Als Exponate ergänzen eine rote Altardecke und ein Podest diesen Part.

Zum Zweiten sind erstmals öffentlich einige Zeichnungen aus der Feder Christian Wilhelm Schneiders zu sehen, die Gebäudeteile und Inventar des Waisenhauses und der Armenschule zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeigen.



Immerhin waren als Wirtschaftszweige Wolle-Manufaktur, Weberei, Tuchfabrik, Bäckerei, Brauerei und Mühle integriert, im Saal stand eine Gerhard-von-Holy-Orgel. Weiterhin hielt der Pastor Szenen von der Ziegelsteinbeschaffung fest – vom Abbruch der Esenser Burg und der Festung am Neustädter Wall.

 

Übergabe des restaurierten Bestattungswagens
am 22. November
  2012


Finanzierung durch Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“ und Sparkassenstiftung Harlingerland

Restaurator Lars Böhner: Mit Kohlensäure gegen den Nagekäfer

Wichtigstes Exponat in dem 1981 eröffnen Turm-Museum

Dr. Oliver Brehm: Restaurierter Bestattungswagen ist selten erhaltenes kulturhistorisches Fahrzeug

 

ESENS – Er gehört zu den auffälligsten Exponaten in dem vor 30 Jahren eröffneten Turm-Museum St. Magnus: der zweispännige Bestattungswagen mit Sargkasten und Sitzbank gleich im Eingangsbereich zwischen Turmtür und Kirche. Der Zahn der Zeit hatte an diesem Gefährt genagt, so beschloss die Museumsleitung gemeinsam mit der Esenser Eigentümerfamilie Edzards/Paulus, diese Pferdekutsche restaurieren zu lassen. „Jetzt ist der Leichenwagen wieder gut vorzeigbar“, erklärte Museumsleiter Detlef Kiesé bei der Übergabe am Donnerstag.

Dass der für die Nachwelt konservierte Bestattungswagen ein selten erhaltenes kulturhistorisches Fahrzeug ist, betonte bei der Übergabe des Exponats Dr. Oliver Brehm in seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender der Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“ und neuer Geschäftsführer des Monumentendienstes. Die in Cloppenburg ansässige Stiftung hatte die Aufarbeitung zusammen mit der Sparkassenstiftung Harlingerland und der St.-Magnus-Kirchengemeinde finanziert.

Diplom-Restaurator Lars Böhner vom Restaurierungszentrum Neuenburg hatte nach Beratung durch Hermann Schiefer, staatlicher Denkmalpfleger in Ems-Jade, den Auftrag erhalten und ließ die Kutsche in den Sommermonaten 2012  zum erneuten Blickfang im Museum werden. Hier bereichert das Gefährt die Abteilung Friedhof/Bestattungswesen.

Für Lars Böhner stand zunächst die Holzschutzbehandlung des gewichtigen Aufliegers an. „Wir haben uns für die völlig ungiftige und innovative Behandlung mit Kohlensäure entschieden, mit der der Befall von Anobien oder Nagekäfer-Larven wirkungsvoll beseitigt wird“, berichtet der Fachmann. Hierfür sei die komplette Konstruktion aus Nadelholz nach Bremen gebracht worden, wo sie in eine acht Meter lange Edelstahl-Druckkammer mit einem Durchmesser von 210 Zentimetern gestellt wurde. „Dem Holz wurde bei Druckatmosphäre von 30 bar der Sauerstoff entzogen, was die Tiere absterben lässt – man spricht auch von der umgekehrten Taucherkrankheit“, beschreibt Böhner den Prozess bei der so genannten Entwesung.

Weitere Behandlungen der Holzpartien, aber auch sämtlicher weiterer Materialien – vor allem Metall und Textilien – wurden in der Werkstatt in Neuenburg vorgenommen. Böhner und seine Kollegin, Diplom-Restauratorin Anja Hanisch, haben hier in der Gemeinde Zetel im Frühjahr 2010 die Tischlerei übernommen, die einst zur traditionsreichen Möbelhandlung Diedrich Müller gehörte. „Hausherr“ ist allerdings der eingetragene  Verein „Zentrum für Holz- und Möbelrestauration“ mit Vorsitzendem Dr. Uwe Meiners und seinem Stellvertreter Bürgermeister Heiner Lauxtermann an der Spitze.

Eine Reinigung und Konservierung des metallenen Fahrgestells und der Eisen beschlagenen Räder  mit mikrokristallinem Wachs an sowie die Ausbesserung der Schad- und Schabstellen im schwarzen Lack und der goldbronzenen Verzierungen, die Aufarbeitung der textilen Bestandteile und eine Untersuchung der Malschichten waren weitere Schritte. „Wir wollten die ursprüngliche farbliche Fassung dokumentieren, das Fahrzeug jedoch in seinem Zustand belassen, in dem es bei seiner letzten Fahrt war“, betont Diplom-Restaurator Böhner.

Finanziert wurde diese Maßnahme von der Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“ in Cloppenburg , der Sparkassen-Stiftung Harlingerland und der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Magnus.

Die Öffnungszeiten des Turm-Museums sind zwischen Ostern und Oktober dienstags und donnerstags (15 bis 17 Uhr) sowie sonntags (11 bis 12 Uhr). Sonderführungen können mit dem Museumsleiter Detlef Kiesé (Telefon 04971 / 919712, vormittags) vereinbart werden.
Mehr unter: www.turmmuseum-esens.de

Turm-Museums-Leiter Detlef  Kiesé (2. V. l.) freute sich über den restaurierten Bestattungswagen. Neben ihm v. l. Jürgen Oppermann von der Eigentümerfamilie Edzards/ Paulus, Anne Janssen (Sparkassen-Stiftung Harlingerland), Museumsmitarbeiter Fred Weyers, Dr. Oliver Brehm (stellv. Vorsitzender der Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“ und neuer Geschäftsführer des Monumentendienstes) sowie Pastor Bernd Reinecke, Kirchengemeinde St. Magnus.

DAS EXPONAT (Kurzfassung / Info-Kasten)

Der Bestattungswagen soll laut Experten um 1880 gebaut worden sein. Er gehört der Familie Gerhard Edzards, vertreten durch Hilda Paulus, und wurde dem Turm-Museum  1981als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Der Sarg wurde seinerzeit durch die rückwärtige Tür der Kutsche eingeschoben.

Edzards soll die Kutsche, die von zwei Pferden gezogen wurde, nach Ende des Zweiten Weltkriegs von Juist gekauft haben. Der Fuhrhalter wurde von der St.-Magnus-Gemeinde mit den Trauerfahrten beauftragt, als das kirchliche Fahrzeug Achsenbruch erlitten und man sich gegen eine Neuanschaffung entschlossen hatte. Wenn das Gefährt benötigt wurde, riefen Kirchenmitarbeiter oder die Angehörigen des Verstorbenen bei Edzards an.

Der Kirchturm diente bereits vor dem Krieg als Unterstellgelegenheit für den Leichenwagen. Hier wurden auch die schwarzen Pferdedecken getrocknet. Der Vater von Friedhofswärter Siebelt Mehring lenkte den Leichenwagen bis in die 1950er Jahre. Das Auto machte den pferdebespannten Bestattungswagen schließlich überflüssig, die letzte Fahrt war im März 1969 zur Beerdigung von Gastwirts Heinrich von der Werp. 

ZUM  EXPONAT:

Bestattungswagen oder auch Leichenwagen wurden aus Holz mit Eisen beschlagenen Rädern erstellt. Mit ihnen wurden die Särge von der Trauerfeier, die in diesen Jahren in den Häusern der Verstorbenen stattfanden, zum Friedhof befördert beziehungsweise Überführungen vorgenommen.

Die evangelisch-lutherische St.-Magnus-Gemeinde Esens hatte ihren eigenen Bestattungswagen, der nach dem Bau des Kirchturms 1844 im Erdgeschoss dieses Bauwerks untergestellt war. Auf Gestellen wurden die schwarzen Pferdedecken getrocknet, zum Einfahren legte man lange Bretter über die Stufen  des Turms.

Der kirchliche Leichenwagen war Mitte des 20. Jahrhunderts in die Jahre gekommen. So geschah es, dass die Kutsche während einer Überführungsfahrt von Utgast nach Esens in den 1950er Jahren einen schweren Achsenbruch erlitt. Der Sarg könnte danach mit Unterstützung von Bauern in die Magnus-Kirche befördert worden sein.

Die Kirchengemeinde entschloss sich nun jedoch, keinen neuen Bestattungswagen mit Pferdeantrieb zu kaufen und zu betreiben. Vielmehr baute man nun auf den Esenser Fuhrunternehmer Gerhard Edzards, der sich einen eigenen Leichenwagen von der Kirchengemeinde der Insel Juist kaufte und ihn in der Bärenstadt sogleich zum Einsatz brachte. Es handelt sich um das heute im St.-Magnus-Kirchturm („Turm-Museum“) erhaltene Exemplar. Das Baujahr wird in die Zeit um 1880 datiert. Die Kutsche besitzt eine Deichsel für zwei Pferde, durch die rückwärtige Klappe konnte man den Sarg auf Rollen hinein schieben. Wenn das Gefährt benötigt wurde, riefen Mitarbeiter oder Pastor beziehungsweise die Angehörigen des Verstorbenen die Familie Edzards an.

Fuhrmann Gerhard Edzards lenkte seinen Leichenwagen gerne selbst, zumal er auch mit den Pferden gut umzugehen wusste. Über viele Jahre bis in die 1950er Jahre kutschierte der Arbeiter und spätere Fuhrmann Hinrich Behrends Mehrings (1872 – 1954), der Vater von Friedhofswärter Siebelt Mehrings (1898 - 1970), auch noch im Ruhestandsalter den Esenser Leichenwagen. Er war beim Fuhrunternehmen Edzards angestellt.

Mit der Zeit war die Pferdekutsche nicht mehr erforderlich, da das Auto für den Sargtransport praktikabler wurde. Auch die Firma Christoff und Eimo Haak schaffte sich einen motorisierten Leichenwagen an. Die letzte Einsatzfahrt der Kutsche soll die des verstorbenen Esenser Gastwirts Heinrich von der Werp (1895 - gestorben am 3. März 1969) gewesen sein. Dieses dürfte am 6. März 1969, dem Tag der Beerdigung, gewesen sein. Van der Werp wohnte am Drostentor. Die Witwe war Anna, geborene van Felde.

Der alte Leichenwagen stand lange unbenutzt in der Edzardschen Scheune im Bereich zwischen Steinstraße und Süderwall. Dann kam „Turm-Museum“-Gründer Detlef Kiesé auf die Familie Edzards zu, so dass 1981 ein Vertrag über den Bestattungswagen als Dauerleihgabe für das Turm-Museum geschlossen werden konnte. Seit 1982 gehört die Kutsche (allerdings ohne die beiden Leuchter) zu den viel beachteten Ausstellungsstücken im Museum der St.-Magnus-Kirche.

Im Sommer 2012 wurde die Kutsche durch das Restaurierungszentrum Neuenburg (Lars Böhner) restauriert. Finanziert wurde diese Maßnahme von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Magnus, der Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“ in Cloppenburg und der Sparkassen-Stiftung Harlingerland.

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St. Magnus aus Sicht von Künstlern 

 

SONDERAUSSTELLUNG 2012 mit gegenwartsbezogener Fotografie und betagter Kunst nebeneinander

 

 

Von Detlef Kiesé 

 

ESENS - Wie sehen Künstler und auch Fotografen die 1854 fertiggestellte St.-Magnus-Kirche mitten in der Esenser Altstadt? Eine Antwort in Form von einigen sehenswerten Exponaten liefert jetzt die soeben eröffnete Sonderausstellung im Turm-Museum in St. Magnus.

 

Zusätzlich zur etablierten Ausstellung mit Darstellungen und Exponaten zur Geschichte einer der größten Kirchenbauten Ostfrieslands sind in Bereichen zusätzliche Materialien zu finden, die teilweise auf der Ausstellung „Schein & Sein“ des Museumsverbundes Ostfriesland vor drei Jahren basieren und durch weiteres Interessantes ergänzt wurde.

 

 

So sind die Ölgemälde von Ihmke Gerdes Hicken zu sehen, in denen der Esenser Malermeister den Abbruch der alten St.-Magnus-Kirche und die Bauzustände davor und danach in Tempera fest hielt. Zeitgenössische Arbeiten stammen von Erwin Hilsky (Scherenschnitt), G. Spiertz (Aquarell) und Ruth Albrecht, Carolinensiel. Die älteste Darstellung der Esenser Magnus-Kirche in der Stadtansicht - mit Bleistift in Szene gesetzt- stammt aus Pastor Christian Wilhelm Schneiders Zeichenbuch aus dem Jahr 1714.

 

Alten künstlerischen Interpretationen der örtlichen Kirche werden Arbeiten aus der Gegenwart gegenübergestellt, auch fotografisch können Künstler eine tolle Wirkung erzielen. Das zeigen großformatige Aufnahmen von Fotografenmeister Gerd Krüger, Museumsleiter Detlef Kiesé, Heimatkundler Axel Heinze und Clemens Scharmann: Er hat zur Ausstellung eindrucksvolle Panoramafotografien mit einem 360-Grad-Winkel beigesteuert, die das Gotteshaus von außen, aber auch von innen zeigen – teilweise als Little-Planet-View

 

 

(www.panoramawerkstatt.de)

 

Der markante Sakralbau findet sich zudem auf Porzellanuntersetzern, Keramikfliese und als Bleiglas-Handwerksarbeit, in Logos und als Werbezeichnungen wieder. Das Turm-Museum zeigt einige Beispiele.

 

Eine Kirche ist aber nicht nur ein Gebäude, sondern wird auch von den Menschen bestimmt, die in ihr arbeiten und für sie arbeiten. So wie das Gebäude den architektonischen Mittelpunkt der Stadt bildet, will die Kirche im Mittelpunkt der Gesellschaft  stehen. Um dies zu verdeutlichen, hatte der Museumsverbund Fotografie-Studenten der Fachhochschule Hannover gewinnen können. In Esens fotografierte Jannis Keil (27) „Gesichter der Kirche“, Kantorin Inka Drengemann-Steudtner, Seniorenbesuchsdienstleiterin Luise Kiesé, Museumsmitarbeiter Eike Scherler und Pastor Bernd Reinecke. Sie sind in der Sonderausstellung im Kirchturm zu sehen verbunden mit Aussagen, was die Personen mit der Kirche verbindet. Eilke Wilken hat die Kurz-Interviews ins Plattdeutsche übersetzt.

 

 

Turm-Museum

 

Das Turm Museum der St.-Magnus-Kirche, 1982 gegründet, befindet sich auf fünf Etagen des 1845 erbauten Kirchturms, der über 113 Stufen bestiegen werden kann. Es stellt in vier Themenbereichen den Sakralbau und das Leben der Magnus-Gemeinde vor.

 

Die wichtigsten Exponate sind die Bestattungspferdekutsche von 1880, das Uhrwerk von 1873, eine alte Kirchenfahne und Zinkblech-Orgelpfeifen von 1920. Das Museum erlaubt einen Blick in das Innere der Arnold-Rohlfs-Kirchenorgel und bietet bei den Glocken einen Rundumausblick über Esens.

 

Das Museum mit der Sonderausstellung „Schein & Sein – St. Magnus im Blick von Künstlern und Fotografen“ ist bis Oktober dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 12 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten. www.turmmuseum-esens.de

 

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Persönliche Erinnerungen

SAISONAUSSTELLUNG 2011 im Turm-Museum Esens

 

„Dulke Margarethea Peters, geboren 8. Mai 1881, ist nach empfangenen Religionsunterricht am 29. März 1896 in der St.-Magnus-Kirche zu Esens konfirmiert worden und hat hierauf zum erstenmal am heiligen Abendmahl teilgenommen.“ Das bescheinigt der Esenser Superintendent Christian Eberhard Hermann R. Voß der fast 15-jährigen, späteren Oberlehrerin Dora Peters.

Derartige Urkunden und viele andere interessante Dokumente, als zeitgeschichtliche Zeugen verwahrt im Archiv der Kirchengemeinde Esens und im Magazin des Museums  „Leben am Meer“, sind in der Sonderausstellung 2011 im Turm-Museum St. Magnus zu sehen. Unter dem Titel „Persönliche Erinnerungen“ zeigt das Mitarbeiterteam um Museumsleiter Detlef Kiesé zusätzlich zur gewohnten Ausstellung Papiere und Exponate zu den kirchlichen Ereignissen Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung.

 

Zahlreiche Gemeindemitglieder haben durch ihre Leihgaben mitgeholfen, diese Sonderausstellung zu vervollständigen. So gehört ein etwa 60 Jahre altes gehäkeltes Taufkleid zu den Blickfängen in der Abteilung „Taufe“. Dokumente machen dazu deutlich, wie mit dem „Auszug aus dem Geburts- und Taufregister“ anno dazumal die Existenz des neuen Erdenbürgers bescheinigt wurde.

 

Im Themenbereich Konfirmation lassen sich die Veränderungen bei den „Erinnerungsstücken“ über Generationen hinweg am deutlichsten ablesen. Gab es einst hübsch in Buchdruck auch mehrfarbig hergestellte Konfirmationsurkunden mit filigranen Zeichnungen und handschriftlichen Eintragungen (wie die von Käte Taddigs aus dem Jahr 1913), so befindet sich auf den auf das Wesentliche reduzierten Dokumenten in heutiger Zeit meist ein Foto. Nicht fehlen durfte das amtliche St.-Magnus-Kirchensiegel. Als Geschenk gab es 1935 auch schon einmal Kaffeetasse und Kuchenteller mit passender Inschrift sowie später metallene Kreuze als Wandschmuck.

 

„Zur Erinnerung an die Vermählung“ steht auf einer kleinen Wandvitrine des Ehepaares Cordes vom 4. Mai 1900, neben dem Myrtenkranz und dem Spruch „Aus der Myrthe möge Silber erblühn – aus der Liebe zartem Weiss werd’ euch einst ein goldnes Reiss“. Dazu sind in der Turm-Museums-Ausstellung hübsch gestaltete Trauscheine, filigraner Brautschmuck und sorgsam aufbewahrte Teile des Schleiers zu sehen.

 

„Erinnerungsstücke“ an die Zeitgenossen sind schließlich auch Trauerbriefe und Todesanzeigen, von denen Beispiele aus verschiedenen Epochen in der Sonderausstellung zu sehen sind. Darunter sind Briefe, in denen Familien beispielsweise die Nachricht erhielten, dass ihr 29-jähriger Angehöriger den „Tod für Führer, Volk und Vaterland“ fand, nachdem er „bis zum letzten Atemzug seiner Pflichterfüllung“ im Ersten oder Zweiten Weltkrieg nachgekommen ist.

 

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SONDERAUSSTELLUNG 2010 (ab Pfingsten):

 

Esenser Kirchenorgel Arnold Rohlfs größtes Bauwerk

 

Bedeutendes Tasteninstrument des 19. Jahrhunderts in Ostfriesland wird 150 Jahre alt

 

   

Die neue St.-Magnus-Kirche war schon sechs Jahre fertig, als auch die Bauarbeiten an der großen Kirchenorgel auf der turmseitigen Empore abgeschlossen werden konnten. Der 30-stimmige Bau für seinerzeit 24000 Reichsthaler wird heute als größte und einer der schönsten Orgeln des 19. Jahrhunderts in Ostfriesland bezeichnet und ist zugleich auch die bedeutendste Arbeit des Esenser Orgelbaumeisters Arnold Rohlfs. 1860, also vor 150 Jahren, wurde das Tasteninstrument in Betrieb genommen.

 

Rohlfs hatte seine Arbeit mit der Grundstein-legung der St.-Magnus-Kirche im Jahr 1848 aufgenommen - und benötigte zwölf Jahre. In der rein mechanischen Schleifladenorgel, für die der Kirchen-Architekt, Hannovers Konsistorialbaumeister Ludwig Hellner, den Esenser Handwerker beauftragt hatte, vereinigt sich solide norddeutsche Orgelbautradition mit Strömungen der Romantik. Das Instrument zeichnet sich durch eine Fülle charakteristischer Einzelstimmen sowie ein mildes, jedoch raumfüllendes Plenum aus.

 

Mit dieser größten Orgel aus seiner Werkstatt - sie besitzt 30 Register verteilt auf zwei Manuale und Pedal - hat sich Arnold Rohlfs in seiner Heimatstadt ein Denkmal gesetzt. Das neuromanische Prospekt, das Rohlfs nach den Plänen Hellners umsetzte, enthält eine bunte Stilmischung von Elementen der Renaissance. Dazu gehören kannelierte Säulen und biedermeierliche Instrumentendarstellungen im mittleren Rundbogen. Durch die rhythmische Gliederung von kleinen und großen Pfeifenfeldern kommt die Einheit von Architektur und Orgelgehäuse gut zur Geltung, beschreiben Fachleute.

Keine Pfeife ist im Kircheninstrument wie die andere. Einmal aus Kiefern- und Eichenholz gebaut, dann aus Zinkblech gelötet sind sie von zwei Zentimeter bis fast fünf Meter groß - einige der Prospektpfeifen auf der Vorderseite. Es gibt nach oben offene Metallpfeifen und gedeckte, also verschlossene, Varianten, die dann bei gleicher Größe noch höhere Töne erzeugen können. Zwei Balgentreter, oft Konfirmanden, sorgten für den erforderlichen "Wind".

1931 wurde die Orgel mit Stromanschluss versehen, so dass ein Ein-PS-Motor künftig für den Winddruck sorgen konnte. Im rückwärtigen Kirchturm montierten Fachleute den Motor "Ventus", der einen Winddruck von 120 Millimeter Wassersäule bei einer Luftleistung von 21 Kubikzentimeter in der Minute erzeugen konnte. Das Gebläse, das heute noch im Turm-Museum zu sehen ist, war mit einem neun Meter langen Kanal von 30 mal 30 Zentimetern im Querschnitt mit der Orgel verbunden, bis es 1969 durch eine neuere Technik ersetzt wurde.

Nach einem unsachgemäßen Teilrestaurierungsversuch im Jahr 1963 durch die Firma Palandt führte die Wilhelmshavener Orgelbaufirma Alfred Führer 1980 bis 1983 eine umfassende Restaurierung des Instruments im denkmalspflegerischen Sinn durch. So wurde der Originalzustand der Rohlfs-Orgel nahezu wiederhergestellt. Im Prospekt stehen seither wieder echte Zinnpfeifen - die Originale waren im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeliefert und durch Pfeifen aus Zinkblech ersetzt worden. Diese befinden sich teilweise heute im Turm-Museum, aus dem man auch einen Blick in das Innere der Orgel werfen kann. Hier sind in der Sonderausstellung ab Pfingsten 2010 auch viele Details zu diesem Thema zu erfahren.

Die letzte größere Wartung mit Reparatur fand im Oktober 2006 durch die Norder Firma Bartelt Immer statt. Der Spieltisch wurde vor wenigen Wochen restauriert. St.-Magnus-Kantorin Inka Drengemann-Steudtner hat für das Jubiläumsjahr eine Reihe von Veranstaltungen beziehungsweise Konzerte geplant, bei denen die Rohlfs-Orgel im Mittelpunkt steht.

 

 

Stichwort:
Arnold Rohlfs

 

Arnold Rohlfs (1808 - 1882) war der Sohn des Esenser Orgelbauers Johann Gottfried Rohlfs (1759 - 1847), der als Begründer der Orgelbausippe Rohlfs gilt, die zwischen 1790 und 1891 wirkte. Stets hielten sie an der traditionellen Bauweise mit mechanischer Traktur und Schleifladen fest. Da der ältere Bruder, Orgelbauer Jacob Cornelius Rohlfs (1805 - 1831), schon früh gestorben war, übernahm dann Arnold Rohlfs 1840 das Geschäft und betrieb es später zusammen mit seinem Neffen und Stiefsohn Friedrich (1829 - 1891), dem Sohn von Jacob Rohlfs.

 

"Gebrüder Rohlfs",

so der Firmenname, bauten vor allem einmanualige Kirchenorgeln mit konservativem Gepräge für die Dörfer. Die Qualität der Orgeln ging später wohl wegen der schlechter gewordenen wirtschaftlichen Lage in Ostfriesland zurück. Nach dem Tod Arnold Rohlfs' 1882 übernahm Friedrich ("Frerk") Rohlfs den Esenser Betrieb. Mit seinem Tod im Jahr 1891 erlosch die Firma.

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Der HARLINGER berichtete im Sommer 2007:

„Bitte nicht berühren“-Schilder fehlen

Im 25 Jahre alten Turm-Museum in St- Magnus ist nun Sonderausstellung eingerichtet


Esens- Bürgermeister Werner Schmidt, Heimatvereinsvorsitzender Reinhard Andreesen und Kirchenvorstandsvorsitzender Georg Oldewurtel waren es im August 1982 neben vielen anderen, die die Einrichtung des kirchlichen Museums in den Turm der St.-Magnus-Kirche klasse fanden. Immerhin, so die damaligen Einweihungsredner, sei die Esenser Museumslandschaft um eine lohnende Station erweitert worden.

In den zurückliegenden 25 Jahren hat sich das „Turm-Museum in St. Magnus“ längst etabliert, im Zeitraum Ostern bis Ende der Herbstferien können Jahr für Jahr viele tausend Besucher begrüßt werden, die kein Eintrittsgeld zahlen, dafür gerne einen Obolus in die Spendendose geben. Der runde Geburtstag soll am Sonntag, 9. September, ab 11 Uhr mit einem großen Museumsfest gefeiert werden, zu dem auch die Museumsgründer kommen wollen. Schon jetzt macht allerdings die Sonderausstellung „Immer in der Mitte – der Kirchturm“ auf der dritten Etage deutlich, wie viel Arbeit im damals einjährigen Ausbau des Turms zum Museum steckte.

Die jungen Erwachsenen verbauten in vielen Hunderten ehrenamtlichen Arbeitsstunden mehrere Rollen Stromkabel, zig Liter Holzschutzfarbe und etliche Quadratmeter Holzfußboden. Schon einige Jahre zuvor hatte die Kurverwaltung Esens-Bensersiel den Einbau einer Treppenanlage mitfinanziert. Den Bemühungen des Museumsteams war es zu verdanken, dass parterre nun einer der alten Leichenwagen und weiter oben mächtige zu sehen ist und das 1876 gebaute Uhrwerk wieder tickt, die Gruppe fand die alte Altardecke und die frühere Kirchenfahne wieder und stellte neben umfangreichem Bildmaterial und Informationen zur Geschichte von Gemeinde und Gebäude unter anderem auch schwere Glockenklöppel aus.
„Bitte-nicht-Berühren-Schilder gibt es im Museum nicht“ titelte 1982 der HARLINGER. Und bis heute hat sich am kinderfreundlichen Konzept nichts geändert. Während sich die Eltern auf den herrlichen Ausblick über Esens bei den Glocken freuen, verfolgt der Nachwuchs auf den bezifferten Stufen, wie viele der 126 Schritte sie schon gemacht haben.

Sonderausstellungen bildeten in all den Jahren immer zusätzliche Anreize zum Museumsbesuch: Einmal ging es um die Kirchplatz-Umgestaltung oder den Esenser Pastoren und Astrologen Hermann de Werve, ein anderes Mal um Kurioses aus dem Bestattungswesen zu Großvaters Zeiten, Bibelfliesen, Ludwig Hellners Kirchenbaupläne oder Bibeln aus drei Jahrhunderten.

In einer zweiten Abteilung bietet das Turm-Museum in St. Magnus in diesem Sommer zusätzliche Informationen zur Geschichte des Kirchturms, der 1845 fertig gestellt rund zehn Jahre älter ist als der übrige Sakralbau selbst. So hat das Museumsteam die Geschichte der Glocken im Kirchturm aufgearbeitet. Die Rechnung über zwei große, 1925 an die Kirchengemeinde gelieferten Glocken sind ebenso zusehen wie Auflistungen der Metall-Kolosse, die 1942 im Rahmen der Metallmobilmachung an das Deutsche Reich abgegeben werden mussten. Nicht alle Glocken kehrten wieder nach Esens zurück, teils war reger Schriftverkehr erforderlich.

Interessant ist aber auch ein Schriftstück von Stadtdirektor Ewald Neemann, der den Kirchenvorstand 1950 bat, wegen des aufstrebenden Fremdenverkehrs die Zifferblätter der Turmuhr streichen zu lassen. 1975 war schließlich ein Jahr, in dem der HARLINGER mit „Große Glocke in Gefahr“ auf die Schäden der St.-Magnus-Glocke aufmerksam machte und die Kirchengemeinde das Vierer-Geläut mit einer Neuanschaffung komplettierte. Nach und nach wurden Glockengeläut und Turmuhrbetrieb vom Hand- beziehungsweise Mechanikbetrieb auf Elektrik und Elektronik umgestellt – auch diese Entwicklung lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen.